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Haifütterer: denn sie wissen (nicht), was sie tun:
Ein Mal mehr kam das Füttern von Haien in Verruf, als ein Anbieter durch Nachlässigkeit am 24. Februar 2008 einen tödlichen Unfall verursachte. Dabei war es nicht der Hai, der “plötzlich anders agierte”, sondern die Situation wurde vom Diveguide nicht richtig eingeschätzt. Und dies wurde dem Wiener Anwalt Markus Gruh zum Verhängnis. Er vertraute dem Anbieter Jim Abernethy, dass er und seine Crew wissen was sie tun und die Situation richtig interpretieren können, sollte sie zu entgleisten drohen. Dieser neuerliche Unfall mit tödlichem Ausgang beruht auf Fahrlässigkeit und Unwissenheit, und lief ein Mal mehr ein gefundenes Fressen für alle, die das Füttern von Haien ein für alle Mal verboten sehen möchten.
Das Anfüttern von Haien boomt seit einigen Jahren, die Internetseiten jagen sich gegenseitig, wer nun noch spektakulärere Haiarten anbieten, noch mehr Kitzel und noch mehr Hautnähe garantieren kann - und solange kein Unfall geschieht, glaubt jeder, dass seine Fütterungsmethode sicher ist. Sie ist es nicht, wenn man den Bogen überspannt und Haiarten anlockt, die man glaubt zu verstehen, doch von diesem Verständnis sind kommerzielle Anbieter weit entfernt. Das fehlende Verständnis ist, was angeprangert werden muss: sie verstehen weder das generelle Verhalten der einzelnen Haiarten, die sie füttern, noch deren Körpersprache in Anwesenheit von Menschen und eben Futter. Im Laufe meiner Untersuchungen zum Unfall von Markus Gruh habe mir nun mehrfach nicht nur die eigentliche Bildserie, die zum Unfall führte, angesehen, sondern auch eine Anzahl von Videos, die von früheren Tauchgängen von Jim Abernethys Fütterungen stammten. Da schwimmen Bullenhaie, Tigerhaie und Zitronenhaie um Futterkörbe herum, folgen frei gewordenen Futterteilchen, schwimmen zwischen Tauchern herum, die mit Stöcken die Haie von sich halten, sofern einer zu nahe kommt (gerade diese Stöcke sollten in jedem Taucher einen Alarm auslösen). Jeder Vertreter dieser unterschiedlichen Arten bewertet sowohl das Futter als auch die Situation unterschiedlich. Und dazwischen befinden sich Taucher: vom Anfänger bis zum engagierten Foto- und Videographen, wobei die Letzteren das Geschehnis vorwiegend durch ihre Viewfinder sehen, oder wenn wirklich umsichschauend und sich unwohl fühlend eben einen Stock benutzen. Gerade Foto- und Videographen sind prädestiniert sich eher um ihre Einstellungen zu kümmern, als konzentriert umsich zu schauen und zu beobachten, was passiert. Und warum sollten sie auch, die Fütterung wird ja kontrolliert?!? Doch was passiert, wenn plötzlich ein Tigerhai sich in eine Situation manövriert hat, wo er sich gestresst fühlt? Was passiert, wenn ein Bullenhai sich von hinten zwischen zwei Tauchern durchdrängen will, weil er den Futterkorb angehen will, ihm aber der Weg versperrt wird? Wie erkennt man einen Zitronenhai, der sich plötzlich “anders” verhält? Hat man Glück wird keine dieser Szenarien Folgen haben, ist es nicht vorhanden, kann es enden wie im Fall von Markus Gruh. Das Problem ist, dass Anbieter keine (!) formelle Ausbildung haben wie Fütterungstauchgänge zu organisieren und worauf zu achten ist diese zu kontrollieren, denn der Gebrauch von Stöcken ist keine Kontrolle, sondern lediglich die Absicherung des Anbieters, dass er jeden Taucher schlussendlich selber verantworlich macht, richtig zu reagieren. Doch die grösste Inkompentenz ist, dass Anbieter die Körpersprache der Haie nicht verstehen. Was bei all der Presse nie (!) hinterfragt oder diskutiert wird ist: was qualifiziert einen kommerziellen Tauchanbieter Haie anzufüttern und deren Vehalten richtig zu interpretieren? Was hat das Eine mit dem andere zun tun? Nichts. Nur weil beide Aktivitäten unter Wasser geschehen, bedeutet das nicht, dass sie zusammengelegt werden können. Was würde geschehen, wenn Haiforscher plötzlich Tauchen anbieten und ein tödlicher Unfall geschähe? Offensichtlich, oder? Das Verstehen der Körpersprache einer Grosshaiart, oder deren Veränderung in Anwesenheit von anderen Haien gleicher oder unterschiedlicher Art, Menschen und Futter ist ein Wissenschaftsgebiet und gehört nicht in Hände von kommerziellen Tauchanbietern. Wir benötigen Richtlinien, die solche Praktiken unterbinden, oder zumindest einschränken, für alle verbindlich sind und bei Verfehlungen geandet werden. Doch solange es diese nicht gibt, solange kann jeder tun und lassen was er will und wahllos Haie jeder Art füttern. Haifütterungen richtig durchgeführt und verbunden mit den richtigen Informationen, haben einen sehr lehrreichen Effekt. Haifütterungen können genauso einen pädagogischen Wert wie Führungen in einem Zoo haben. Dabei darf es aber nicht darum gehen ein Tier vorzuführen, sondern ein Tier zu erklären, dieses als Beispiel zu nehmen um unter Anderem auf deren Notwendigkeit in der freien Natur hinzuweisen. Ein erhoffter Effekt ist damit mehr Leute zu gewinnen, die danach nicht nur mehr über eine Tiergruppe wissen, sondern sich auch für diese einsetzen können. Nach einer Haifütterung sollte es schlussendlich nicht darum gehen, wer nun das beste Bild geschossen hat, sondern dass das Privileg ein solchen Tier gesehen haben zu dürfen verwendet wird, dieses in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Doch solche Menschen finden sich nach Haifütterungen nur sehr selten (!), die grosse Masse sehen nur im gewonnenen Bild eine Notwendigkeit, nicht aber nun ihre Stimme für die Tiere hörbar zu machen. Dieses Problem ist so alt, wie das Haifüttern selbst. Wohl am Deutlichsten kommt dies bei den halbtägigen Käfigtauchtrips zu Weissen Haien in Südafrika zum Vorschein. Da werde Herden von Menschen durchgeschleust. Man zahlt um ein Mal das aufgerissene Maul eines Weissen zu sehen - und damit die Bestätigung bekommt, dass es JAWS eben doch gibt. Es ist einer dieser Auswüchse des Ökotourismus, doch wo das “Öko” zum Tragen kommt, ist schleierhaft? Auch dort geht es nicht darum, dass man ein Privileg bekommt ein Mal ein solches Tier sehen zu dürfen und seine Vorurteile abzulegen, nein, es geht lediglich darum Geld zu machen und dem zahlenden Gast eine Show zu bieten. Das Tier ist lediglich Mittel zum Zweck. Ein anhaltender Verkaufsschlager der weder den Beobachtenden sensibler macht, noch aufgefordert mitzuhelfen. Tier- und Naturschutz geht uns alle an.
Doch Schuld an Haiunfällen und der fehlenden Information sind nicht nur die Tauchanbieter, die unter dem Strich lediglich Geschäftsleute mit einer nicht so gängigen Ware darstellen, sondern auch die Taucher selber, die immer mehr wollen, mit immer noch grösseren Haie konfrontiert werden wollen - und jeder Tauchanbieter wird nahezu gezwungen mitzumachen, möchte er nicht vom Geldzug fallen. Und welcher Geschäftsmann überlässt schon der Konkurrenz den Markt oder versucht nicht gegenüber dieser sich abzuheben? Doch keiner dieser Geschäftsleute macht sich Gedanken über die Konsequenzen seiner Verkaufsstrategie oder seines “Produkts” sollte etwas schief gehen. Ein Haiunfall ist immer ein gefundenes Fressen für die Medien und ein weiterer Nagel in den Sarg der Haie. Jede auch eine noch so kleine Wunde wird tagelang durch die Medien getragen und ist es gar ein tödlicher Ausgang steht die Presse Kopf. Doch wird nie (!) hervorgehoben, dass die anbietende Firma wegen fehlender Expertise versagte und deswegen seine Aufgabe nicht erfüllte. Nein, alles was bleibt ist “Hai” und “tödlich”. Es muss endlich umgedacht werden: es sind nicht die Haie, die man an den Pranger stellen muss, sondern Anbieter, die nicht verstehen, was für Arten wirklich anlocken.
Welch alter Tauchhase erinnert sich nicht an die “gute alte Zeit” des Haifütterns. Da waren es nicht die Weissen Haie, Tigerhaie oder andere Grosshaie, die im Mittelpunkt standen, sondern “nur” Riffhaie. Das fütternde Interagieren mit diesen Arten hat nahezu nie zu einem Unfall geführt - schon gar nicht zu einem Tödlichen. Jeder dieser Tauchgänge lieferten eine Menge von Informationen, den man konnte mit diesen Tieren auch ohne Fütterungen tauchen und lernen, wie sie sich ohne menschlichen Einfluss und zusätzlichen Motivation bewegen, agieren und interagieren. Doch leider sind solch Fütterungen am Abklingen, denn der Kitzel fehlt, sie sind zu “klein” und zu “unspektakulär” geworden.
Wie soll man nun diesem neuerlichen Unfall begegnen? Sollte man nun alle diejenigen Fütterungen verbieten, wo weder Informationen verbreitet noch der Anbieter eine Ahnung von der Biologie der vorgeführten Tiere hat? Welche Lösung auch angestrebt wird, eins ist sicher, das Anfüttern von Grosshaien muss strikten Richtlinien unterworfen werden. Ein Weg, der zwar leicht zu begehen wäre, doch bis dato nicht angestrebt wurde. Das sahen wir 2001 im Fütterungsverbot in Florida, USA. Da wurde nicht über Alternativen diskutiert, sondern lediglich Beweise gesucht, damit das Füttern mit “überzeugenden” Grund verboten werden konnte. Keine der angebrachten Gründe auch nur im Entferntesten haltbar, doch die breite Öffentlichkeit wurde unter Zuhilfenahme der immer noch gegenwärtigen Angst überzeugt, dass man dem Zeitvertreib einiger Taucher mit dem erhöhten Risiko für ahnungslose Schwimmer und Surfer der Riegel vorzuschieben ist. Obwohl in öffentlichen Hearings mehrfach von mir darauf hingewisen, dass die Unfälle in Florida nicht mit dem Anfüttern zusammenhingen. Dass keiner der angefütterten Haie auch nur für einen einzigen Unfall an den Stränden in Florida verantwortlich war, wurde als nicht fundierte Aussage abgetan. Und im Fahrwasser des tödlichen Unfalls von Markus Gruh hört man vermehrt, dass das Füttern von Haien ja bereits in Florida verboten wurde und dass auch die Bahamas nachziehen müsse. Bedenklich an der Logik ist, dass es im 2001 nie zur Debatte stand ob die Aktivität des Haifütterns als solches für Taucher gefährlich war, sondern nur die Gefahr für Aussenstehende. Doch wird nun genau dieses Verbot, dass wegen den Badenden und Schwimmern kreiert wurde, als Vorwand genommen, dass es auch für Taucher gefährlich sei Haie zu füttern. Und da alte Argumente auch in einer neuen Debatte um das gleiche Thema scheinbar haltbar sind, gibt es auch nun wieder jene Stimmen, die im Konditionierten von Haien das grösste Problem sehen. Diese seien aggressiver, gefährlicher, haben die “Furcht” vor Menschen verloren, ihr natürlicher Jagdtrieb sei gestört und all der andere Blödsinn, den vielen Pseudo-Experten zum Besten geben. Es gibt bis heute keinen einzigen Fall, wo ein Hai gefährlich (oder “aggressiv” wenn man diesen inkorrekten (!) Ausdruck verwenden möchte) wurde, nur weil er kein Futter bekam, als der die Taucher sah, oder generell Menschen mit Futter assoziierte und deshalb kilometerweit entfernt irgendwo an einem Strand einen Schwimmer oder Badenden biss, weil er meinte, dass dieser ja daselbe ist, wie Dasjenige, dass ihn Unterwasser hätte füttern müssen. Diese Argumentation versucht nur eins zu beweisen, dass es sich bei einem Hai um ein dummes, Instinkt getriebenes Tier handelt, dass eben (noch) gefährlicher wird, wenn man es nicht befriedigt. Doch was an dieser Denkweise geradezu idiotisch ist, dass man einem scheinbar dummen Tier ein Hirnleistung andichtet, die auch höhere Säugetiere nicht besitzen. Man impliziert, dass der Hai in der Lage ist zu verstehen, dass ein Mensch in der Tiefe in einem dunklen Anzug, blubbernd und mit einem Apparat ausgerüstet, dasselbe ist, wie ein Surfer oder ein Badender irgendwo an der Oberfläche. Doch anstelle, dass man zuerst überlegt bevor man argumentiert, bläst jeder Haihasser ins Antihaihorn und füttert die generelle Hysterie und Angst vor Haien. So erstaunt es nicht, dass die Vorhersage bestätigt wurde, dass es Jahre 2002 genauso viele Unfälle geben wird wie im 2001 als das Fütterungsverbot in Florida lanciert wurde, weil konditionierte Haie nicht der Grund für die Bissrate sind. Sie stieg sogar an und als dann Vertreter der verantwortlichen Kommission von mir zur Rede gestellt wurden, dass das Anfüttern, wie vorhergesagt, nicht der Grund für die Bissrate war, hiess es lediglich, dass dieses Gesetz nun in Kraft sei und es nicht mehr rückgängig gemacht werde. Und diese Kurzsichtigkeit findet nun wieder Nährboden im tödlichen Unfall von Markus Gruh. Es ist nicht der Hai, den man vor dem Menschen schützen muss, sondern verhindern, dass Geschäftsleute alles anlocken können, was sie wollen, ohne einen Beleg, dass sie wissen, was sie tun.
In all dem Tumult seit dem Tod von Markus Gruh gab es nur wenige Stimmen, die realisierten, dass das Anfüttern von Haien eine zu befürwortende Angelegenheit ist, aber sie muss richtig gehandhabt werden, verbunden mit einer soliden theoretischen Ausbildung - und diese sollte genauso umfangreich wie eine eigentliche Tauchausbildung sein. Dass dadurch viel Spreu vom Weizen getrennt wuurde, versteht sich von alleine, doch wie will man sowas kontrollieren. Es ist eine Zwickmühle - auch für mich. Einerseits will ich das Haifüttern nicht untergehen sehen, denn dann wird es noch schwieriger das Wort zu verbreiten, dass Haie per se nicht gefährlich sind, andererseits will ich mehr mitansehen müssen, wie Geschäftsleute etwas anbieten können, wovon sie nichts verstehen. Hier ist nun guter Rat teuer. Ich plädiere, dass das Füttern von Grosshaien nur noch nach strengen Regeln gehandhabt werden darf und dass Anbieter und Crew-Mitglieder sich einer Ausbildung hinsichtlich Haiverhalten und Interpretation der Körpersprache unterziehen müssen. Nur so kann das Füttern und Interagieren mit Haien in gewisse Bahnen gehalten werden, die zwar nachviewor das Restrisiko nicht ausschalten, aber zumindest werden gewisse Praktiken verboten, die solche Unfälle eher hervorrufen können und die Leute wissen besser, worauf zu achten ist, wenn diese oder jene Art auftaucht.
Haifütterungen kamen einen langen Weg und erfreuen sich einer grossen Beliebtheit, zwar aus unterschiedlichen Gründen, doch der Grundtenor ist immer derselbe, dass man Haie sehen will. Und so soll es auch bleiben. Doch dazu braucht es ein gemeinsames Bestreben das Ziel der Aufklärung in den Vordergrund zu rücken und das Restrisiko auf ein Minimum zu reduzieren.
Haie sind faszinierende Kreaturen und jedes Interagieren mit diesen Tier ist ein lebensveränderndes Ereignis. Kein Hai bedroht einen Menschen, sondern die Menschen sind es, die durch Ignoranz, Arroganz und Unwissen solche Situationen heraufbeschwören. Wir müssen uns immer vor Augen führen, dass wir Menschen im Meer Gäste sind und es unsere Pflicht sein muss alles zu vermeiden, was den Gastgebern in irgend einer Weise zum Verhängnis werden könnte, denn Tatsache ist: es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen. |